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 8. April 2022 // #

Bodyshaming beim Laufen

Bodyshaming beim Laufen

Am letzten Tag des Jahres 2021 nahm ich an einem Silvesterlauf in Köln teil.

Nach einer Hüft-Operation reichte die Fitness noch nicht für den Hauptlauf.

Daher lief ich nur fünf Kilometer.

Danach gesellte ich mich in die Cheerzone meiner Running Crew, um die Läufer des 10-Kilometer-Wettkampfs anzufeuern.

Zufälligerweise befand sich auch das größte Talent der deutschen Leichtathletik im Teilnehmerfeld des Kölner Silvesterlaufs.

Konstanze „Koko" Klosterhalfen lief von Beginn an allen davon und gewann den letzten Lauf des Jahres mit einer Fabelzeit von 31:10 Minuten.

Beim Silvesterlauf in der Merheimer Heide liefen die Teilnehmer den 10-Kilometer-Rundkurs in drei Runden.

„Koko" lief also mehrmals an unserer Fanmeile vorbei.

Auf dem Rückweg der ersten Runde überhörte ich ein Gespräch zwei älterer Herrschaften, die eine logische Erklärung für Klosterhalfens Laufgeschwindigkeit hatten.

Kein Wunder, warum die so schnell ist. An dem Hungerhaken ist ja auch kaum etwas dran!"

Ich strafte die beiden mit einem bösen Blick.

Denn wenn etwas überhaupt nicht angebracht ist, dann das Urteilen über Menschen.

Unabhängig davon, ob eine Person unter-, über- oder idealgewichtig ist.

Anonymes Urteilen

Der Begriff Bodyshaming setzt sich aus „Body“ (englisch für „Körper") und „Shaming" (englisch für „Beschämung") zusammen.

Es ist dabei ein Phänomen, was vor allem in sozialen Netzwerken auftritt.

Aufgrund der Anonymität im Internet erlauben sich Nutzer abwertende Äußerungen über das Aussehen Anderer.

Dabei werden jedoch nicht nur übergewichtige Menschen für ihren Körper öffentlich bloßgestellt.

Auch sehr dünne Menschen werden im Netz immer häufiger Opfer vom Bodyshaming.

Besonders oft steht Konstanze Klosterhalfen dabei leider im Fokus.

Denn schon länger sieht sich das Lauf-Ass, das 2019 Bronze bei den Weltmeisterschaften in Doha gewann, dem Vorwurf ausgesetzt, nicht nur zu dünn, sondern krankhaft dürr zu sein.

Manche werfen ihr sogar vor unter einer behandlungsbedürftigen Essstörung zu leiden.

Traurig, dass tausende von Menschen im Netz urplötzlich Ernährungswissenschaftler zu seinen scheinen.

Auf die Vorwürfe reagiert Klosterhalfen entspannt.

Sie esse eben ungern Süßigkeiten und sei schon immer dünn gewesen.

Zudem könne man ja auch gar nicht die notwendige Energie haben, auf einem Weltklasse-Niveau Sport zu treiben, wenn man zu wenig esse.

Mit Bodyshaming wurde auch Bahnläuferin Gina Lückenkemper vor einigen Jahren konfrontiert.

Hier warf man der EM-Zweiten über 100 Meter aber nicht vor zu dünn zu sein.

Das Gegenteil war der Fall.

Unter einem Foto, was Lückenkemper auf einer Social-Media-Plattform veröffentlicht hatte, forderte ein Nutzer die Leichtathletin dazu auf weniger zu essen und dafür mehr Sport zu treiben.

Lückenkemper nahm es mit Humor, zeigte sich aber schockiert über die Art und Weise, wie derart Kommentare geschrieben werden.

Sie warnte davor, dass Menschen zu Essstörungen getrieben werden könnten.

Konstanze Klosterhalfen sorgte in den letzten Jahren für viele Rekorde – Experten sorgen sich dabei oft um ihre Gesundheit

Es kann jeden treffen

Wenn man so will, haben professionelle Sportler einen Vorteil.

Sie sind Personen des öffentlichen Lebens.

Und hat man einmal einen besonderen Bekanntheitsgrad erreicht, hat man nicht nur Fans.

Man hat auch Feinde, die Leistung, Verhalten oder eben das Aussehen scharf kritisieren.

So lernt man also schon frühzeitig, sich ein dickes Fell zuzulegen und auch bei Kritik nicht empfindlich zu reagieren.

Doch wie sieht das bei uns Alltags-Athleten aus?

Unabhängig ob Mann oder Frau.

Du hast es sicherlich auch mal erlebt.

Die abwertenden Blicke, wenn du dir den Weg mit einer Stirnlampe durchs Dunkle bahnst.

Die gerümpften Nasen, wenn du in langer Tights und hautengem Oberteil an Mitbürgern vorbeischnellst.

Oder im schlimmsten Fall.

Die dreisten Ausrufe von übergewichtigen Spaziergängern, die das „Pummelchen" zum weiterlaufen animieren.

Ja, solche Bemerkungen werden tatsächlich geäußert.

Häufiger als man glaubt.

Und es schmerzt.

Nicht, weil wir dem frechen Passanten unterbewusst Recht geben.

Sondern, weil sich eine fremde Person das Recht nimmt, über uns zu urteilen.

Und die Frechheit besitzt, dies in Worte zu fassen und uns beim Sporttreiben an den Kopf zu werfen.

Dabei ist es kein Zufall, dass derart Bodyshaming uns beim Laufen besonders hart trifft.

Denn während des Ausdauersports empfinden wir Glück, Zufriedenheit und Stolz.

Eben weil wir genau wissen, dass Laufen sich nicht nur positiv auf die Ausdauer, sondern auch auf die allgemeine Fitness auswirkt.

Wirst du dann, inmitten dieser mentalen Ruhe, persönlich kritisiert, reißt dich das gedanklich nicht nur aus dem Lauftraining.

Es kann auch schwerwiegende Folgen für die weitere Laufkarriere nach sich ziehen.

Wie viele Läufer haben ihre Karriere an den Nagel gehängt, weil ihnen mehrfach abwertende Kommentare an den Kopf geworfen worden sind und sie deshalb nicht mehr öffentlich Sporttreiben wollen?

Männer sind auch betroffen

Tatsächlich passiert Bodyshaming ganz nebenbei und oftmals sogar unabsichtlich.

Eben dann, wenn aus dem näheren Umfeld gut gemeinte Ratschläge geäußert werden, diese aber negative Gefühle in einem hervorrufen.

In den meisten Fällen meint es diese Person gar nicht böse.

Die Kommentare werden in dem Fall dann leider unreflektiert geäußert.

In diesem Fall solltest du die Person direkt auf ihr „Fehlverhalten" ansprechen.

Oft sind Kommunikationsmissverständnisse die Ursache.

Kritik an der eigenen Person ist ohnehin schwer verdaulich.

So gut wie jeder Mensch findet etwas an seinem Körper, dass ihm nicht gefällt.

Kein Wunder.

Schließlich wird man auf Instagram & Co. auch täglich mit Bildern von Stars und Athleten bombardiert, die scheinbar alle Idealgewicht besitzen und makellos erscheinen.

Es ist normal, dass man sich mit diesen Menschen vergleicht und als Resultat unzufrieden mit seinem äußeren Erscheinungsbild ist.

Das gilt im Übrigen nicht nur für Frauen.

Ganze 95 Prozent der Männer geben an, von Bodyshaming betroffen gewesen zu sein.

Größer, stärker, dünner, bärtiger.

Männer schämen sich für Körpergröße, Gewicht, fehlender Muskelmasse oder dem Mangel an Körperbehaarung.

Nur werden die Herren der Schöpfung darauf nicht beim Sporttreiben angesprochen.

Wohlfühlen im eigenen Körper

Wer sich im eigenen Körper wohlfühlen will, sollte ihn nicht mit strengen Diäten oder härteren Sporteinheiten schinden.

Ein gesundes Körpergefühl entsteht nur dann, wenn du die negativen Glaubenssätze aus dem Kopf verbannst.

Erwischt du dich also dabei, dich mit Instagram-Models zu vergleichen, solltest du die entsprechende App für einige Zeit von deinem Smartphone löschen.

Gleiches gilt für Facebook.

Entferne jegliches Gefahrenpotenzial, bei dem du dich mit anderen messen könntest.

Auf diese Weise lernst du, dich mit deinem Körper anzufreunden.

Du solltest weiterhin aktiv Sport treiben.

Die Muskeln wollen gefordert werden, das Herz will pumpen und die Haut schwitzen.

Das ist keineswegs als Aufruf zu härteren Einheiten gedacht.

Du musst dich beim Laufen wohlfühlen.

Denn wie sagt ein englisches Sprichwort?

„Move your body and your mind will follow."


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Robin
Laufen und Schreiben sind meine absolute Leidenschaft. Als ausgebildeter Ausdauercoach, Content-Creator und Chefredakteur helfe ich dir, deine Ziele zu erreichen. Zudem halte dich auch über die aktuellen Neuigkeiten aus der Laufszene und über das neuste Running-Equipment auf dem Laufenden. Ob schnelle 5k oder lange 100 Kilometer, ob auf der Straße, in den Bergen oder in der Wüste – ich fühle mich auf allen Strecken und in jedem Gelände wohl.

2 comments on “Bodyshaming beim Laufen”

  1. Ich selbst bin noch nie bewusst Opfer von Bodyshaming gewesen, wenn man mal vom Schulsport in der 5ten 6ten Klasse absieht. Ich selbst schäme mich in der Öffentlichkeit, wenn ich Sport treibe, nicht für meinen Körper auch wenn ich hier und da ein paar Pfunde zu viel habe. Ich denke ich kann das für mich ganz gut ausblenden. Wenn ich zudem noch Musik oder Podcasts höre, dann bekomme ich auch nicht mehr soviel mit. Funfact, manchmal nehm ich Kopfhöhrer mit, nutze sie komischerweise dann gar nicht mehr. Liegt erstmal daran, das ich Musik oder sonstiges erst anmache, wenn ich weiß das ich keine Straßen mehr überqueren muss oder sonstige äußere Einflüsse mich stören könnten.
    Wie gesagt, ich kann das für mich ganz gut ausblenden

    Worüber ich aber öfter mal nachdenke ist, wenn ich anderen beim sporteln sehe, ob ich sie anfeuern soll. Ich weiß das ich es mache um denjenigen oder diejenigen anzufeuern, aber wie das am Ende ankommt ist immer so eine Sache. Also lieber einfach mit Tunnelblick weiterlaufen, vielleicht lediglich mal Grüßen.

    1. Moin Christian,
      mir gehts ähnlich – mir wurde zum Glück noch nie etwas hinterher gerufen. Zumindest nicht, dass ich es aktiv mitbekommen hätte. Ich laufe nämlich auch immer mit Kopfhörern, wenn ich alleine unterwegs bin. Aber ich bekomme recht häufig mit, dass sich Leute bewusst hörbar über Läufer mit zu viel/zu wenig Gewicht unterhalten. Aber wie du schon sagst, solche Dinge sollte man einfach ausblenden. Immerhin ist man sportlich aktiv!

      Was das Anfeuern betrifft: Gute Frage. Wir feuern immer jeden an. Da freuen sich die Leute, auch wenn man es auf den ersten Blick vielleicht gar nicht sieht. Ich denke mir auch immer, dass die Leute, die sich für Wettkämpfe anmelden, auch wissen, was auf sie zukommt. Nicht nur auf die Laufdistanz, sondern auch auf die Atmosphäre bezogen 🙂

      Liebe Grüße
      Robin von runnersfinest.de

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