hello world!
 29. März 2022 // #

Hüftimpingement: Schmerzhafter Engpass

Hüftimpingement: Schmerzhafter Engpass

Das Training für den GGUT 2021 war extrem anspruchsvoll.

All die Bergintervalle, die ich als Kölner Flachländer auf dem Laufband absolvieren musste.

Das zusätzliche Krafttraining, das meine Beine auf den 20-Kilometer-langen Downhill vorbereiten sollte.

Die hohen Umfänge, die ich Woche für Woche gelaufen bin.

All die Workouts haben mein Leistungsniveau zwar auf ein neues Level gehoben.

Sie haben aber auch Spuren hinterlassen.

Denn kurz vor dem Start des Wettkamps hinderte mich ein stechender Schmerz in der Leiste am weiteren Training.

Ein mechanisches Problem

Jedes Jahr das gleiche Spiel.

Sobald der Sommer sich von seiner besten Seite zeigt und ich mich mit Freunden im Park treffe, lässt der Spott nicht lange auf sich warten.

Während es sich alle im Schneidersitze bequem auf dem Rasen gemacht haben, wechsle ich meine Sitzposition nahezu minütlich.

Denn ich bin eine Person, die nicht im Schneidersitz sitzen kann.

Auf Dauer ist das extrem frustrierend – nicht nur im Park, sondern auch beim Yoga.

Wenn die Lehrerin zu Beginn der Stunde alle gemütlich im Sukhasana – so heißt die Sitzweise mit gekreuzten Beinen in der indischen Lehre – zu Ruhe kommen lässt, muss ich auf meinen Schienbeinen Platz nehmen.

Das hatte schon früh meinen Ehrgeiz geweckt, den Schneidersitz endlich mal zu lernen.

Doch weder Hüftöffner noch gezieltes Dehnen brachten die erwünschten Resultate.

Dabei ist es noch nicht einmal meiner fehlenden Flexibilität geschuldet, dass ich die Beine beim Sitzen nicht entspannt übereinander legen kann.

Als mir während der Vorbereitung für den Großglockner-Trail nach einem Lauf plötzlich die Leiste schmerzte, habe ich zunächst eine Zerrung vermutet.

Der Verdacht lag nahe, hatte ich doch eine lange Tempo-Einheit hinter mir.

Allerdings zeigten die gängigen Behandlungsmethoden für Zerrungen keinerlei Wirkung.

Im Gegenteil.

Die Schmerzen verschlimmerten sich.

An einigen Tagen konnte ich nichtmal von einem Stuhl aufstehen, ohne danach auf der betroffenen rechten Seite komplett einzusacken.

Der Zeitpunkt war gekommen.

Eine ärztliche Diagnose musste gestellt werden.

Wenn der Hüftkopf nicht in Form ist

Der behandelnde Arzt nahm sich eine Menge Zeit, um zum richtigen Befund zu kommen.

Ausschlaggebend waren Röntgenbilder, welche die erste Vermutung meines Arztes bestätigten.

Durch knöcherne Anlagerungen ist mein Hüftkopf (die Gelenkkugel) deformiert.

Die klassische Taillierung ist zugewachsen.

Bei Tempo-Läufen, wo der Kniehub besonders ausgeprägt ist, stößt der Gelenkkopf also ständig an die Hüftpfanne.

Normalerweise läuft die Bewegung flüssig – in meinem Fall wird die Laufbewegung jedoch forciert.

Bei jedem Anschlag des Schenkelhals an die Pfanne wird das Becken gleichzeitig nach vorne gedrückt.

Dann springt jedoch das Iliosakralgelenk (ISG) ein, um das Becken wieder in die Ausgangslage zu bringen.

Das ISG befindet sich im hinteren Teil des Beckens und verbindet die Hüfte mit dem Steißbein.

In der Regel wird das Iliosakralgelenk bei der Laufbewegung nicht beansprucht.

Bei meinen Läufen wird es hingegen dauerhaft belastet.

Mein ISG hat aufgrund meiner hohen Trainingsumfänge also irgendwann blockiert.

Das Becken konnte somit nicht mehr in die Normalstellung zurückgezogen werden.

Das Resultat?

Der vordere Leistenbereich hat sich stark entzündet.

Zwei Behandlungsverfahren

Wie Ärzte nunmal so sind, empfahl mein Doktor mir einen minimal-invasiven Eingriff.

Bei der sogenannten Hüftarthroskopie wird die knöcherne Ablagerung am Hüftkopf entfernt.

Die Operation würde mich dann 14 Tage lang an Krücken binden und mich für knapp drei Monate aus dem Lauftraining nehmen.

Allerdings wäre die Mechanik meiner Hüfte nach kürzester Zeit auch wieder vollständig wiederhergestellt.

Ein Hüftimpingement kann aber auch konservativ behandelt werden.

In dem Fall würden sämtliche Blockaden gelöst und alle relevanten Muskeln konsequent auftrainiert werden.

Nach einem ausführlichen Gespräch mit meiner langjährigen Physiotherapeutin wurde mir aber auch von ihr empfohlen, die Verengung in der Hüfte operativ entfernen zu lassen.

Nicht nur aufgrund meines Alters, mit dem ich die Operation besser verkraften würde, sondern auch aufgrund meines Leistungsniveaus.

Die vollständige Wiederherstellung der Hüftmechanik ermöglicht mir viele weitere schmerzfreie Trainingsjahre.

Tatsächlich waren es die Erfolgschancen, der Zeitpunkt sowie die aktuell unsicheren Lauf-Events, die mich zur Operation bewegt haben.

Denn während des Winters könnte ich meine Grundlagenausdauer auch auf dem Fahrradergometer aufrecht erhalten.

Zudem war nicht sicher, ob Laufveranstaltungen im Frühjahr wieder wie geplant stattfinden können.

Ende Oktober 2021 lag ich also auf dem Operationstisch.

Nicht erkennbare Schönheits-OP

Viele meiner Freunde halten mich nach der Hüft-OP jetzt für einen alten Mann.

Schließlich erhalten bevorzugt ältere Menschen ein neues Hüftgelenk, die mit zunehmenden Alter den normalen Verschleißerscheinungen Tribut zollen müssen.

Das ist offensichtlich ein weit verbreiteter Irrglaube.

Denn Betroffene sind bei einem Hüftimpingement durchschnittlich erst 30 Jahre alt, bevor eine Operation erforderlich wird.

Darüber hinaus erhalten die Patienten auch kein neues Gelenk, sondern vielmehr eine Schönheits-OP – der Gelenkkopf wird lediglich in den Normalzustand geformt.

Tatsächlich sind die Symptome von Arthrose und Hüftimpingement gar nicht so trennscharf.

Oft erscheint das Hüftmpingement-Syndrom nämlich wie eine Hüftgelenkarthrose, also der irreversiblen Schädigung des Gelenkknorpels, bei dem letztendlich zwei Knochen schmerzhaft aufeinander reiben.

Aus diesem Grund werden neben Röntgen- auch MRT-Aufnahmen gemacht.

Bei dem bildgebenden Verfahren wird Klarheit geschafft, ob der Gelenkknorpel durch das Hüftimpingement bereits in Mitleidenschaft gezogen worden oder noch intakt ist.

Letzteres war bei mir glücklicherweise der Fall.

Unbehandelt oder konservativ therapiert, könnte ein Hüftimpingement dem Gelenkknorpel schaden.

Hierzu gibt es zwar noch keine wissenschaftlichen Langzeitstudien, allerdings gehen führende Experten davon aus, dass durch die Reibung zweiter Knochen auch eine erhöhte Verschleißgefahr besteht.

Zur Prophylaxe ist ein operativer Eingriff also durchaus empfehlenswert.

Schnelle Rehabilitation

In meinem Fall verlief der Rehabilitationsprozess schneller und besser als erwartet.

Anders als nach meinem Schienbeinbruch war ein Aufstehen und Gehen wenige Stunden nach der Operation schmerzfrei möglich.

Die kurze Aufenthaltsdauer von zwei Tagen diente lediglich der Überwachung, da nach Eingriffen unter Vollnarkose Komplikationen im Nachgang keine Seltenheit sind.

Bereits nach zwei Wochen konnte ich mich in meiner Wohnung ohne Gehilfen frei bewegen.

Dennoch war ich auf Anordnung vom Arzt zum Spazierengehen weiterhin an die Krücken gebunden.

Nach der Hüftimpingement-OP darf die operierte Seite nicht voll belastet werden.

Bei den ersten Einheiten beim Physio wurde ich zunächst passiv behandelt.

Die Beweglichkeit in der Hüfte wurde also zunächst durch Drücken und Ziehen der Therapeutin wiederhergestellt.

Zu Hause durfte ich mit leichten Dehn- und Kraftübungen weiter trainieren.

Bereits sieben Tage nach der Entlassung aus dem Krankenhaus begann das Aufbautraining auf dem heimischen Fahrradergometer – ein lockeres Pedallieren ohne Widerstand.

Das schmiert das Hüftgelenk.

Die auf drei Monate geschätzte Laufpause fiel auch deutlich kürzer aus.

Kurz vor Weihnachten, und rund acht Wochen nach dem Eingriff, konnte ich schon wieder die Laufschuhe schnüren.

Natürlich nur für einen kurzen, langsamen Lauf.

Seitdem werden die Umfänge wieder langsam gesteigert und auch das Lauftempo nähert sich wieder der gewohnten Wohlfühlpace.

Ich tendiere durchaus zu einem falschen Ehrgeiz.

Dann steiger ich meine Umfänge zu schnell und zu früh.

Nach der Hüft-OP sehe ich die Situation wesentlich gelassener.

Der Körper braucht in jedem Fall noch Zeit für die strukturelle Anpassung – der Aufbau der vollständigen Range of Motion wird noch Monate in Anspruch nehmen.

Zudem fehlt ohne Laufveranstaltungen auch der Leistungsdruck.

Und im Winter liegt der Fokus ohnehin auf dem Ausbau der Grundlagenausdauer.

Die entsprechenden Trainingseinheiten kann ich also problemlos auf dem Fahrrad absolvieren.

Rückblickend war es definitiv die richtige Entscheidung, sich unter das Messer zu legen.

Meine Freunde werden staunen, wenn ich im Sommer entspannt im Schneidersitz vor ihnen sitze.


Ähnliche Beiträge

Robin
Laufen und Schreiben sind meine absolute Leidenschaft. Als ausgebildeter Ausdauercoach, Content-Creator und Chefredakteur helfe ich dir, deine Ziele zu erreichen. Zudem halte dich auch über die aktuellen Neuigkeiten aus der Laufszene und über das neuste Running-Equipment auf dem Laufenden. Ob schnelle 5k oder lange 100 Kilometer, ob auf der Straße, in den Bergen oder in der Wüste – ich fühle mich auf allen Strecken und in jedem Gelände wohl.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

© 2017-2020   runnersfinest.de
Alle Rechte vorbehalten
cross
 
Vielen Dank fürs Teilen! Schau doch auch auf meinen Social-Media-Kanälen vorbei!
Send this to a friend