Der zweite Marathon innerhalb von vier Wochen hat mich zum Mainova Frankfurt Marathon verschlagen. In der Stadt am Main wollte ich meinen Vater über 42,195 km gesund in die Frankfurter Festhalle begleiten.
Ganz ohne Zeit- und Leistungsdruck geht es bei mir natürlich nicht: Mein alter Herr wollte unter 4:30h bleiben – also habe ich die 4:14h angepeilt!

Zwischen Köln und Frankfurt

Mein Schienbein hat zwar für den Köln Marathon gehalten, allerdings wollte ich meine Knochen nicht direkt wieder auf die Zerreißprobe stellen – mein Arzt hatte mir schließlich sechs Wochen Laufpause verordnet. Drei mussten jetzt reichen. Für den Mainova Frankfurt Marathon habe ich also fast gar nicht trainiert. Gut, in den letzten sieben Tagen vor dem Wettkampf sind Vatter und ich (Team Siegert) noch zweimal 5 km zusammen gelaufen. Mehr wars dann aber auch nicht.

Race Strategy

Nachdem meine erste eigene Wettkampf-Taktik in Köln mehr oder weniger erfolgreich aufgegangen ist, habe ich für Team-Siegert also wieder eine ausgeklügelt: Die ersten fünf Kilometer zum Einrollen in 6:15 min/km, die nächsten fünf dann in 5:55 min/km, um sich dann in der Mitte des Rennens bei 5:45 min/km einzupendeln. Klingt plausibel, oder?

Der Mann mit dem Hammer

Direkt am Start laufen alle Marathonis am „Hammering Man“, eine knapp 21 Meter hohe Silhouette eines Arbeiters, vorbei. Dieser Sarkasmus ist mir beim Start gar nicht aufgefallen: Steht der Mann jetzt stellvertretend für das harte Stück Arbeit, das vor jedem Läufer liegt oder als Warnsignal, den Marathon nicht zu schnell anzugehen, weil es sonst ein jähes Wiedersehen gibt?

Team Siegert hat sich jedenfalls dazu entschieden, das Rendezvous mit dem Mann mit dem Hammer auszulassen.

Adieu, Hammer-Mann!
Bonjour Bankenviertel, Main Tower, Alte Oper und Palmengarten.

Trotz der Aufregung konnte ich meinen Vater auch dann noch bremsen, als er nach zwei Kilometern schon von dem Siegertschen Fanclub mit Fahnen und selbstgebastelten Schildern angefeuert wurde.

Nach dem ersten Zehner standen knapp 60 Minuten zu Buche.

Stimmung hui, Strecke pfui!

Für echte Frankfurter muss die Strecke ein absolutes Highlight sein: Die Innenstadt wird mehrfach durchlaufen. Mir persönlich gefiel die Streckenführung aber überhaupt nicht, weil ich das Gefühl hatte, dem Ziel kein Stück näher gekommen zu sein. Was die Strecke nicht zu bieten hatte, hat die Stimmung wieder Wett gemacht: Bis km 13 wurde man förmlich durch eine Menschenmasse getragen!

Über die Alte Brücke sind wir dann auf die andere Main-Seite durch das Brückenviertel, durch Sachsenhausen und an der Galopprennbahn vorbei gelaufen.

Blöderweise hatte meine Garmin Forerunner 620 zwischenzeitlich GPS-Probleme (vermutlich aufgrund der engen Häuserschluchten in der Innenstadt), weshalb ich eine Differenz von 500 Metern von meiner Uhr zu den offiziellen km-Schildern hatte.

Ich würde von mir behaupten fit im Kopfrechnen zu sein, aber beim Laufen wird selbst die simpelste Berechnung zur Goliath-Aufgabe.

Dank einer Durchschnittspace von 5:40 min/km war Team Siegert noch immer auf 4:14h Kurs. Ich hatte jedoch arge Bedenken.

Gut Ding will Langeweile haben

Hab ich euch gesagt, dass mir die Streckenführung nicht gefallen hat? Was es auf den ersten 10 Kilometern im Überfluss gegeben hat, fehlte jetzt hinten raus: Kurven, Menschen und ein bisschen Sightseeing hätten der Strecke jetzt gut getan.

Obendrein wurde mein alter Herr immer müder. Konnte er sich an den ersten Verpflegungsstellen noch selbst mit Wasser versorgen, habe ich jetzt den Job des Waterboys übernommen.

Wer geglaubt hat, im Laufen sei das Trinken schwierig, der soll mal versuchen mit zwei gefüllten Pappbechern einen vorauseilenden Mann wieder einzuholen. Was tut man nicht alles, um den Lauf-Partner ins Ziel zu treiben? Da nimmt man in Kauf, sich das ganze isotonische Getränke über die Hände zu kippen.

Den Witz über die „klebrigen Banditen“ (Anm. der Redaktion: Aus dem Film „Kevin allein in New York“) hat der alte Herr dann aber nicht verstanden. Oder er konnte nicht drüber lachen. Ich fands witzig. Witzig war auch, dass ich noch geglaubt habe, dass wir immer noch auf 4:14h laufen.

Die längste Straße der Welt

Ich will ehrlich sein. Die letzten 12 Kilometer waren ein Kampf mit mir selbst. Noch nie habe ich während eines Marathons gedacht, dass ich keine Lust mehr habe.

Meinen Beinen ging es gut. Klar, die Spurts zum vorauslaufenden Vater wurden immer anstrengender, aber körperlich hätte ich wahrscheinlich noch die Ultra-Distanz laufen können.

Mir war einfach stink-langweilig. Es waren kaum noch Menschen auf der Strecke, keine Unterhaltungen mit Vattern mehr. Und diese Mainzer Landstraße. Diese blöde Mainzer Landstraße zieht sich wie ein Kaugummi.

Der ältere Part von Team Siegert hatte dann doch noch eine Begegnung mit dem Hammer-Mann, wodurch logischerweise auch das Tempo reduziert werden musste. Die Cola, die wir ab km 30 zu uns genommen  haben, konnte das Kind zwar nicht mehr aus dem Brunnen retten, aber meinen Vater immerhin mit genügend Koffein versorgen, um sich zur nächsten Verpflegungsstelle zu retten.

Als wenn es für einen Läufer nicht schon schlimm genug wäre, gegen eine Mauer zu laufen, stellt der Mainova Frankfurt Marathon die Psyche der Marathonis auf eine ganz besondere Probe:

Der Einlauf in die Innenstadt führt fast an der Festhalle vorbei. Das Ziel ist in greifbarer Nähe. Aber zwischen den Läufern und dem Ziel stehen noch 6 sehr harte Kilometer. Da sind die Zuschauer am Streckenrand dann auch keine große Hilfe mehr. Wenn man mental schon im Ziel ist, hat man definitiv Probleme dieses überhaupt zu erreichen!

Also nochmal: Main Tower, Alte Oper, alte EZB, Mainzer Landstraße.

Dieses Mal zum Glück nur für knapp einen Kilometer. Mehr hätte ich auch nicht gewollt.

Zwischen km 40 und 41 hat uns der Siegertsche Fanclub dann nochmal angetrieben und plötzlich ging alles ganz schnell: Einmal links, einmal rechts und schon befanden wir uns auf dem legendären Zieleinlauf in die Festhalle.

Ein Wahnsinns-Gefühl! Jetzt weiß ich auch, warum kaum jemand an der Strecke stand. Gefühlt saßen die alle in der Festhalle, um uns beim Lauf auf dem roten Teppich ins Ziel zu brüllen. Genial!

Achso. Gestempelt haben wir übrigens nach 4:17h, aber die Zeit spielte nach der Begegnung mit dem Hammer-Mann sowieso eine untergeordnete Rolle.


Frankfurt Marathon 2016 – Einlauf in die Festhalle

Vater-Sohn-Finish

Einen wildfremden Ordner um den Hals zu fallen und einfach dankbar zu sein, die 42,195 km auf seinen eigenen zwei Beinen gelaufen zu sein, ist typisch für meinen Vater. Völlig erschöpft, aber voller Glücksgefühle sind wir raus aus der Halle und ab auf die Fressmeile.

Schnell die Finisher-Medaille abgeholt und direkt zum Stand von Krombacher, wo sich mein Vater erstmal wieder hydriert hat. Ich kann bis heute nicht verstehen, wie der Gute fast fünf Becher alkoholfreies Weizen exen konnte. Wir hatten uns auf der Strecke doch gut verpflegt! Wie dem auch sei. Nach den obligatorischen Müsli-Riegeln, dem Obst und den Rosinen-Weckchen (in Köln sagt man Weckchen) haben wir uns dann in Richtung Ausgang gemacht.

Es war eine tolle Erfahrung, gemeinsam mit meinem Vater einen Marathon zu laufen. Egal wie schnell oder langsam wir gelaufen sind, mein Paps war stolz wie Bolle. Selbstverständlich war ich auch stolz auf ihn!

Für mich war der Mainova Frankfurt Marathon der letzte Lauf 2016 – nach einer Saison mit erstmalig drei Marathons und vielen Verletzungspausen verabschiede ich mich jetzt in die Off-Season.

Ich weiß jetzt schon, dass es mir spätestens nach sieben Tagen wieder in den Füßen kribbelt, aber mein Körper schreit gerade nach Erholung. Also gebe ich sie ihm.

Meine Jahresplanung für 2017 steht natürlich schon: Speedwork, mehr Barfuß-Laufen und der erste Ultra-Marathon.

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