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 5. April 2022 // #

Der Marathon-Pater: 60.000 Kilometer gegen Armut

Der Marathon-Pater: 60.000 Kilometer gegen Armut

Laufen gibt Kraft.

Das weiß auch Tobias Breer.

Mehr als 100 Marathon- und Ultraläufe hat der selbsternannte Marathon-Pater absolviert.

Darunter die Major Marathons in Boston, London, Berlin, Chicago und New York.

Mit jedem Kilometer, den er bei Wettkämpfen zurücklegt, sammelt der Priester Spenden für bedürftige Menschen.

Selbst seine Predigten schreibt der Geistliche während seiner Joggingrunden.

Abenteuerlust und Wahnsinn 

Vater unser im Himmel,

geheiligt werde dein Name.

Dein Reich komme.

Dein Wille geschehe,

wie im Himmel so auf Erden.

Das Vaterunser ist das im Christentum am weitesten verbreitete Gebet.

Jesus Christus hat es seinen Jünger selbst gelehrt.

Selbst diejenigen, die sich nicht als gläubig bezeichnen, kennen zumindest die ersten fünf Zeilen des Gebets.

Die Anzahl der gebeteten Vaterunser kann Tobias Breer, selbsternannter Marathon-Pater, wohl kaum in Zahlen ausdrücken.

Allein beim 172-Kilometer-Rennen durch die Wüste des Oman wird er häufiger zu Gott gebetet haben, als sich der Otto-Normal-Bürger jemals an den Allvater gewendet hat.

Beim Oman Desert Marathon lief der Pastor aus Duisburg sechs Tage lang durch die Wüste.

Es ist zwar nur ein Bruchteil von den 40 Tagen, die Jesus durch die Einöde lief, aber deshalb nicht weniger kräftezehrend.

Denn in der Hitze der Wüstensonne kämpfte sich Pater Tobias durch knöcheltiefen Sand und über meterhohe Dünen.

All das mit acht Kilogramm Zusatzgewicht auf dem Rücken.

Bei dem Etappenrennen sind die Teilnehmer nahezu auf sich alleingestellt.

Der Veranstalter stellt lediglich eine Zeltstadt zur Verfügung, in der die Extremläufer die Nächte verbringen.

Neben dem klassischen Laufequipment befindet sich aber nicht nur die Astronautennahrung für mehrere Tage im Rucksack des Paters.

Kompass, Signalspiegel, Trillerpfeife, ein scharfes Messer, Salztabletten, Antiseptika, eine Rettungsdecke und eine Anti-Gift-Pumpe müssen im Laufrucksack ihren Platz finden.

So gibt es der Veranstalter vor.

Allein die Vorstellung eines derart langen Etappenrennens schreckt selbst hartgesottene Athleten ab.

Es braucht mehr als nur Abenteuerlust und Wahnsinn, um in solch lebensunfreundlichen Gebieten zu laufen.

Mut, eiserner Wille, Kraft und Ausdauer und natürlich auch der Glaube an sich selbst.

Möglicherweise an Gott.

Das sind die Attribute, die Extremläufer immer wieder die härtesten Herausforderungen bestehen lassen.

Doch was treibt einen Priester aus Duisburg in die weiten Wüsten des Oman?

Sechs Tage läuft Tobias Breer durch die Wüste des Oman. Dabei ist der Marathon-Pater komplett auf sich allein gestellt

Der Weg Gottes 

Andreas Breer wächst in Werne auf.

Hier absolviert er nach seinem Schulabschluss eine Ausbildung zum Groß- und Einzelhandelskaufmann.

Nach seinem Wehrdienst holt er in drei Jahren sein Abitur in Neuss nach.

Anschließend tritt er bei den Prämonstratensern – ein weißer und kanonischer Orden von Prémontré – in der Abtei Hamborn ein.

Hier nimmt er den Ordensnamen Tobias an.

Nach dem Novizitat startet Breer das Theologiestudium 1988 an der Universität Innsbruck.

Noch während seines Studiums wird er 1993 zum Diakon geweiht.

Ein Jahr später folgt die Priesterweihe.

Pater Tobias ist betriebsam, ein echter Macher.

Er wirkt als Seelsorger an der Offizierschule der Luftwaffe in Fürstenfeldbruck.

Wird als Militärgeistlicher an verschiedenen weiteren Bundeswehrstandorten eingesetzt.

Und ist zugleich Prior und Kämmerer der Abtei Hamborn.

Als Finanzchef verwaltet er seither den Haushalt des Priesterklosters.

Dass man sich auch als Ordensmann überarbeiten kann, erfährt Breer am eigenen Leib.

Er selbst hat über die Gestaltung seines eigenen Tagesablauf lange nachgedacht, um konsequent leistungsfähig zu bleiben.

Es sei wichtig, dem Tag eine feste Struktur zu geben, einen guten Wechsel aus Aktivität und Ruhezeiten zu besitzen.

Der Pater setzt dabei auf Rituale.

Sie ermöglichen es ihm, seinen stressigen Alltag loszulassen, sich wieder ganz auf Gott auszurichten, in die eigene Mitte zurückzukehren und zur Ruhe zu kommen.

Breer folgt dabei einer strikte Morgenroutine.

Täglich klingelt der Wecker um 5:30 Uhr.

Unabhängig von der Tatsache, wann der Geistliche am Abend zuvor zu Bett gegangen ist.

Mit dem frühen Aufstehen signalisiert er seinem Geist, dass er sich nicht von Umständen, wie einem langen Abend zuvor, bestimmen lassen möchte.

Zu Beginn stellt Pater Tobias bewusst eine Verbindung zu Gott her, um ihn in seinen Tag einzuladen.

Im Bett für kurze Zeit liegenzubleiben, den Gedanken freien Lauf zu lassen, nachzudenken und klassische Musik zu hören.

So startet der Priester in den neuen Tag.

Nach dem Vaterunser ist Breer bereit, den Alltag zu begrüßen.

Doch Breer zollt diesem strikten Tagesablauf und dem fehlenden Ausgleich Tribut.

Der Wecker klingelt täglich um 5:30 Uhr – nach seinem Morgenritual schnürt der Marathon-Pater dann am liebsten seine Laufschuhe

Gewichtsverlust als Motivation

Denn eines Abends steht der Ordensmann vor dem Spiegel, betrachtet seinen Bauch und legt die Stirn in Falten.

Bei einer Körpergröße von 1,85m bringt der Pater stattliche 92 Kilogramm auf die Wage.

Für einen Mann im Alter von 43 einfach zu viel.

Klar ist: Es fehlt Bewegung.

Dabei ist Sport eigentlich gar nichts, was den Pater reizt.

Im Gegenteil.

In der Schule hat er den Sportunterricht gehasst.

Zu diesem Zeitpunkt brauchte sein zierlicher Körper noch keinerlei Pflege.

Doch je älter man wird, desto träger wird auch der Stoffwechsel.

Es muss also eine Aktivität her, die ohne großen Aufwand betrieben werden kann.

Zudem sollte der Sport zum Beginn auch keine hohen Investitionskosten mit sich bringen.

Für den Ausdauer-Neuling trifft das Laufen also genau ins Schwarze.

Nachdem sich der Priester aus Duisburg im Internet die notwendigen Tipps zum Einstieg ins Lauftraining zusammengesucht hat, werden auch schon die Sportschuhe geschnürt.

Die Erinnerungen an die erste kleine Runde könnten schlechter jedoch nicht sein.

Das Wetter ist mies und es ist kalt und bewölkt.

Immerhin regnet es nicht.

In einem Wechsel aus Gehen und Laufen legt der Pater eine Gesamtdistanz von knapp drei Kilometer zurück bis er sich, erschöpft aber mit Glücksgefühlen, wieder in seinem Zimmer befindet.

Von diesem Zeitpunkt an, trainiert Tobias Breer fast täglich.

Mit drei bis vier Laufeinheiten pro Woche baut sich die Lauf-Novize die Grundlagenausdauer auf.

Die Leistungssteigerung lässt nicht lange auf sich warten und nachdem auch zehn Kilometer problemlos am Stück gelaufen werden können, meldet sich der Pater mutig für seinen ersten Halbmarathon an.

Es sollte ein wegweisendes Lauf-Event werden.

Ein neuer Stern am Lauffirmament

Nach dem Zieleinlauf des Halbmarathon im Hunsrück weiß Tobias Breer, dass er tatsächlich 42,195 Kilometer am Stück laufen könnte.

Tatsächlich startet der katholische Priester keine drei Monate später beim Berlin-Marathon.

Dieser 24. September 2006 brennt sich ins Gedächtnis wie kein anderer Tag.

Nach 4 Stunden und 25 Minuten überquert der Duisburger die Ziellinie am Brandenburger Tor.

Nie wieder, schwört er sich, aber im Laufsport kommt es immer anders als man denkt.

Sobald die Finisher-Medaille einen frisch gebackenen Marathoni mit Stolz erfüllt und die Schmerzen und Erschöpfung vergessen sind, meldet sich der Ehrgeiz.

Nochmal einen Marathon laufen, aber dann die 4-Stunden-Barriere angreifen?

Einmal die 42,195 Kilometer zurücklegen, ohne dem Mann mit dem Hammer zu begegnen?

Was auch immer einen intrinsisch motiviert – der Antrieb kommt gewiss.

Mal dauert es Monate.

Mal Wochen.

Tobias Breer hatte sich bereits einen Tag später für den Marathon in Hamburg angemeldet.

In der Hansestadt strebt der Priester aus dem Ruhrgebiet eine Leistungssteigerung an.

Er will die 42 Kilometer in unter vier Stunden laufen.

Ein ambitioniertes Vorhaben für jemanden, der noch nicht lange Ausdauersport betreibt und gerade einmal seinen zweiten Marathon laufen wird.

Entsprechend intensiv ist die Vorbereitung.

Im Startblock unterhält sich der Priester aus dem Ruhrgebiet mit einem weiteren Teilnehmer, der dem Pater das Konzept des Spendenlaufens erklärt.

Laufen und dabei was gutes tun – das weckt einen ganz anderen Ehrgeiz beim Geistlichen.

Zurück in Duisburg, beginnt der Pater sofort mit der Umsetzung seines Vorhabens.

Jeder Kilometer zählt.

So nennt Breer seine Spendenaktion, die erstmalig beim Marathon in Berlin durchgeführt werden soll.

Und da ein Marathon laufender Ordensmann eine Art Sensation ist, greift die Presse das Vorhaben des Priesters direkt auf.

Bei seinem ersten Marathon als Sponsorenläufer sammelt Tobias Breer eine stattliche Spendensumme von 5.000€ ein.

Der Marathon-Pater ist geboren.

Ab diesem Zeitpunkt läuft der geistliche Würdenträger jährlich zwischen fünf und zehn Marathons.

Doch mit jedem erfolgreichen Marathon lässt die Spendenbereitschaft nach.

Die Sponsoren sind dem Lauf-Ass aus Duisburg mittlerweile auf die Schliche gekommen.

42,195 Kilometer stellen für den Pater keine Herausforderung mehr dar.

Es muss also eine neue Challenge her.

Die Antwort lautet: Ultramarathon.

Bei den legendären Bieler Lauftage nimmt der Marathon-Pater direkt die berühmteste Strecke in Angriff.

Der seit 1959 durchgeführte 100-Kilometer-Lauf gilt weltweit als der größte seiner Art.

Der Ordensmann startet um zehn Uhr abends, läuft durch die Nacht und nach zwölf Stunden und 26 Minuten wieder in Biel ein.

Die Platzierung ist irrelevant.

Wichtig ist nur die Zunahme der Spendensumme.

Das Problem am Laufen?

Hat man einmal die Grenzen des Schaffbaren nach oben verschoben, werden die Wettkämpfe immer extremer.

Entweder nimmt man an Ultra-Trails mit ordentlich Höhenmeter teil oder man läuft längere Strecken.

Ähnlich geht es dem Marathon-Pater, für den alsbald auch 100-Kilometer-Läufe ihren Reiz verlieren.

Geht es also noch extremer?

Der Marathon-Pater weckt mit seinen Spendenläufen das Interesse der Presse

Schritte, um die Welt zu verändern

Ein sechs-Tage-Rennen durch die Wüste im Oman.

Es ist die ultimative Herausforderung.

Hier stößt Pater Breer immer wieder an seine Grenzen.

172 Kilometer legt der Priester zurück, friert mit vor Kälte klappernden Zähnen nachts in seinem Zelt, fürchtet wilde Tiere und kämpft sich bei 47 Grad durch die Hitze der Einöde.

Die Gedanken ans Aufgeben begleiten ihn ebenso wie der Glaube an den Allmächtigen.

Der liebe Gott ist schließlich immer dabei.

So wie die Flasche Weihwasser, die der Marathon-Pater in seinem Rucksack verstaut hat.

Wenn die Knochen schmerzen, wird die geweihte Flüssigkeit aufgetragen.

Nach einem zweifachem Vaterunser sind die Schmerzen wie weggeblasen.

„Wenn man daran glaubt, dann funktioniert es."

schwört der Priester aus Duisburg.

Beim Oman Desert Marathon kommen 90 von 105 Läufern ins Ziel.

Mit einer Zeit von 31 Stunden und 24 Minuten landet Tobias Breer auf einem respektablen 53. Platz.

Doch die Platzierung ist nicht das Entscheidende.

Ankommen.

Das ist, was zählt.

Und die damit verbundenen Spenden in Höhe von 26.000 Euro, die dem Projekt LebensWert zu Gute kommen.

Von einer kräftezehrenden 5-Kilometer-Runde, die im Zeichen der Verbesserung der allgemeinen Fitness stand bis hin zu 172-Kilometer-langen Spendenläufen.

Inzwischen ist der Marathon-Pater mehr als 60.000 Kilometer gelaufen und hat dabei rund 1,5 Millionen Euro an Spenden eingesammelt.

Für seine Wohltätigkeit ist Breer sogar mit dem Bambi-Preis ausgezeichnet worden.

Fast schon beiläufig wird der Priester auch Mitglied im 100 Marathon Club Deutschland e. V.

Ein Verein, der ausschließlich Leute aufnimmt, die mehr als 100 Marathons erfolgreich beendet haben.

Doch egal, wie weit ihn seine Schuhe noch tragen, jeder Schritt stellt eine enorme Symbolik dar.

Indem wir immer wieder einen Fuß vor den anderen setzen, kommen wir voran.

Es liegt eine riesige Kraft in den vielen, kleinen Schritten.

Die Platzierung beim Oman Desert Marathon ist zweitrangig. Wichtig ist nur, dass die Spendenbereitschaft wieder zugenommen hat

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Robin
Laufen und Schreiben sind meine absolute Leidenschaft. Als ausgebildeter Ausdauercoach, Content-Creator und Chefredakteur helfe ich dir, deine Ziele zu erreichen. Zudem halte dich auch über die aktuellen Neuigkeiten aus der Laufszene und über das neuste Running-Equipment auf dem Laufenden. Ob schnelle 5k oder lange 100 Kilometer, ob auf der Straße, in den Bergen oder in der Wüste – ich fühle mich auf allen Strecken und in jedem Gelände wohl.

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