4. Dezember 2020 // #

Faszination OCR: Auf dem Rücken durch den Schlamm

Faszination OCR: Auf dem Rücken durch den Schlamm

Laufen, Robben, Hangeln, Klettern, Balancieren.

Diese Kombination findet man nur beim Obstacle Course Racing (OCR).

Doch beim OCR geht es um viel mehr, als eine mit anspruchsvollen Hindernissen gespickte Laufstrecke schnellstmöglich zu bewältigen.

Was das Obstacle Course Racing im Gegensatz zu klassischen Laufveranstaltungen auszeichnet und warum die OCR-Szene gerade förmlich explodiert, habe ich im Interview mit Jannis Bandorski, Chef der XLETIX-Rennserie besprochen.

Faszination OCR

Rotten River, Muddy Maniacs und Freak Froster.

Was stark nach Punkbands aus den 80er Jahren klingt, sind in Wirklichkeit die Bezeichnungen der Hindernisse der XLETIX Challenge.

Die XLETIX GmbH ist Marktführer für die selbsternannten actionbasierten Laufveranstaltungen, die neben der XLETIX Challenge auch noch den schauinsland Muddy Angel Run veranstalten.

Zudem organisiert die Event-Firma aus Berlin das District Race – ein per App gesteuerter, virtueller Orientierungslauf, bei dem die Läufer verschiedene Checkpoints schnellstmöglich erreichen und unterwegs zusätzliche Herausforderungen meistern müssen.

Das Konzept des Obstacle Course Racings ist dabei aber viel älter, als die neue Trendsportart vermuten lässt.

Bereits im Militär oder in Polizeischulen mussten junge Kadetten Holzwände erklimmen, unter Stacheldrahtzäunen kriechen oder sich an Klettergerüsten von Seite zu Seite hangeln, um die Aufnahmeprüfung zu bestehen.

Billy Wilson, der früher bei den königlichen Grenadier Guards Elitegruppen und Trainingscamps entwarf, ist der unbestrittene Begründer des ersten offiziellen Hindernislaufs der Welt.

Denn bereits 1986 organisierte Wilson für knapp 100 Abenteuerlustige das Tough Guy Race – die Mutter aller Hindernisläufe.

34 Jahre später ist der OCR-Boom ungebrochen.

Immer mehr Extremsportler stellen sich der Herausforderung eines Hindernislaufs.

Und noch immer drängen neue Veranstalter auf den Markt, um den Titel härtestes Rennen Deutschlands tragen zu können.

„Laufen ist grundsätzlich ein Individualsport. Beim OCR steht das Teamerlebnis hingegen ganz klar im Vordergrund, denn ohne die Hilfe seiner Mannschaft würde man die meisten Hindernisse gar nicht bezwingen können“, erklärt Bandorski die steigende Nachfrage nach Hindernisläufen.

An seinen Veranstaltungen nehmen jährlich über 200.000 Sportbegeisterte teil.

Davon starten 90 Prozent als Mannschaft:

„Unser Motto lautet ‚Ein Team, Ein Ziel!‘, weil eben viele der Hindernisse so gebaut sind, dass sie nur als Team überwunden werden können. Die XLETIX Challenge ist dabei auch besonders bei Firmenteams beliebt. Wenn man sich sonst nur als Kollegen im Büro gegenüber sitzt und am Wochenende gemeinsam durch eine Schlammgrube kriecht, schweißt das natürlich zusammen. Das verändert die Gruppendynamik in der Firma enorm – plötzlich spricht man ganz anders miteinander und motiviert sich gegenseitig viel mehr“, beschreibt der Geschäftsführer das positive Teamerlebnis nach Bezwingen der XLETIX Challenge.

Beim OCR steht die Gemeinschaft im Vordergrund – ohne die Hilfe der Teammitglieder wären die meisten Hindernisse nicht bezwingbar

Der Ausbruch aus der Monotonie

Der Wunsch nach mehr Teamgeist im Laufsport ist jedoch nicht der einzige Grund, weshalb Hindernisläufe sich an steigender Beliebtheit erfreuen.

„Die Abwechslung macht das OCR erst so richtig spannend. Natürlich können sich die Läufer im Vorfeld des Wettkampfs über die Hindernisse informieren, allerdings wird die Reihenfolge der Obstacles immer wieder geändert. So garantieren wir den Überraschungsmoment auf der Strecke“, erklärt Bandorski den Aufbau des Hindernislaufs.

Mehr Abwechslung – das war auch letztendlich das entscheidende Kriterium, das den Managing Director des OCR-Veranstalters zum Obstacle Course Racing gebracht hat:

„Nach Marathon und Triathlon hat mir die Vielfalt beim Sport gefehlt. Statt meine Trainingseinheiten monoton durchzuziehen, habe ich während meiner Läufe alle zwei Kilometer Kraftübungen eingebaut. Mal habe ich Kniebeugen gemacht, mal Liegestütze. Mal bin ich im Park auf eine Tischtennisplatte gesprungen und mal habe ich an Klettergerüsten Klimmzüge gemacht“, erzählt der Geschäftsführer des Berliner Unternehmens.

Genau diese wiederkehrenden Unterbrechungen des Laufrhythmus sind wichtige Elemente im Training für ein Hindernislauf.

Denn aus der Laufbewegung heraus ins Schnellkrafttraining wechseln zu können, schafft beim OCR den entscheidenen Vorteil.

Selbstverständlich brauchst du auch eine solide Grundlagenausdauer.

Doch hier erleichtert dir die XLETIX Challenge den Einstieg in die Welt des Hindernislaufs.

Du kannst zwischen der S-, M- oder L-Distanz wählen.

Diese unterscheiden sich nicht nur in der Länge der Strecke, sondern auch in den zu bezwingenden Hindernissen.

Die Laufstrecke besteht dabei immer aus drei Abschnitten von jeweils 6-8 Kilometern, die aufeinander aufbauen.

Auf diese Weise bleiben die Bereiche einzigartig und es müssen keine Runden mehrfach gelaufen werden.

Außerdem können Teams in jedem Fall gemeinsam starten, selbst wenn einige Läufer unterschiedliche Distanzen gewählt haben.

Ausdauersportler aller Leistungsniveaus kommen also voll auf ihre Kosten.

Die Strecke beim OCR ist in jedem Fall immer sehr abwechslungsreich

Wer schwächelt, wird bestraft

Aber natürlich gibt es auch beim Obstacle Course Racing professionelle Läufer.

Für die sogenannte XLETIX ELITE ist das Motto „Ein Team, Ein Ziel!“ außer Kraft gesetzt.

Hier zählt nur eins: Be the Best!

Dabei messen sich die Top-Athleten des OCR miteinander.

Der Start bei den Profis ist jedoch nur nach vorheriger Qualifikation durch Top-Leistungen auf nationalem oder internationalem Niveau möglich.

„Um bei der XLETIX ELITE starten zu können, muss sich jeder Läufer bewerben. Wir haben dabei natürlich einige Benchmarks, die wir bei jedem Kandidaten in Betracht ziehen. Die persönliche Bestzeit auf 10 Kilometer muss unter 36 Minuten liegen, einen Halbmarathon muss man in knapp 75 Minuten laufen können“, erklärt Bandorski.

Während die klassischen Straßenrennen von den schnellsten Läufern gewonnen werden, müssen Elite-Athleten für Hindernisläufe wesentlich vielseitiger sein.

„Man muss sich nur die Vorjahressieger der XLETIX ELITE Tour anschauen. Sowohl Pia Wagner als auch Matthias Graute haben eine überragende Grundschnelligkeit. Darüber hinaus sind beide Läufer aber auch noch kräftig, an den Hindernissen technisch versiert und überaus willensstark“, lobt Bandorski die beiden Elite-Läufer.

Ohne eine gute Technik und genügend Kraft wäre die XLETIX Challenge nämlich schneller vorbei als gedacht.

Denn schwache Muskeln werden böse bestraft.

„Es gibt Pflichthindernisse, an denen kein Weg vorbeiführt und es gibt Hürden, die man nicht unbedingt bezwingen muss. Aber ein echter XLETIX Challenger versucht sich natürlich an jedem Hindernis. Falls das Obstacle vor Erschöpfung, aus Angst, aufgrund von Hitze oder Kälte aber nicht bewältigt werden kann, drohen dem Läufer als Strafe 15 Burpees. Die Elite-Athleten müssen zwar keine zusätzliche Kraftübung absolvieren, stattdessen aber eine Strafrunde laufen“, sagt Bandorski.

Er fügt hinzu: „Das absichtliche Meiden eines Hindernisses ist beim OCR grundsätzlich nicht verboten, aber unter echten Hindernisläufern ziemlich verpönt.“

Für OCR brauchst du nicht nur eine gute Kondition, sondern auch starke Muskeln – ansonsten verzweifelst du an den Hindernissen

Für eine Professionalisierung fehlt das Geld

Sich durch Schlammgruben kämpfen, gegenseitig über meterhohe Holzmauern hieven und bäuchlings unter Stacheldraht hindurchrobben – bei all den ganzen Hindernissen haben nicht nur die Athleten ihren Spaß.

Auch die Zuschauer sind unterhalten.

Schließlich verfolgen Fans einen Hindernislauf nicht nur jubelnd, anfeuernd und motivierend, sondern auch mit ein wenig Schadenfreude.

Es ist eigentlich die perfekte Mischung, um ein Sportevent medial zu vermarkten.

„Ich persönlich finde einen Hindernislauf bei Weitem spannender als einen Marathon. Vermutlich könnten wir auch noch wesentlich mehr Athleten vom OCR überzeugen, wenn die Hindernisläufe im TV oder im Internet gezeigt würden. Die Übertragung der XLETIX Challenge schwebt uns natürlich im Kopf, aktuell scheitert es aber an den logistischen Herausforderungen“, erklärt der Geschäftsführer.

Da Hindernisläufe immer auf wechselnden Untergründen stattfinden, braucht es schon ein Motorcross oder ein Quad, um die Führungsgruppe mit einer Kamera zu begleiten.

Allerdings ist die Laufstrecke meist nicht so breit, dass die Hindernisläufer verfolgt werden können.

Für Luftaufnahmen käme nur ein kostspieliger Helikopter in Frage, da die Akkulaufzeit von Drohnen bei weitem nicht ausreicht.

Neben der medialen Vermarktung von Extremläufen hat Bandorski noch ein großes Ziel vor Augen:

„Die Nachfrage ist ungebrochen – ich würde OCR bald gerne als olympische Disziplin sehen.“

Wer eine offizielle Verbandsstruktur für das Obstacle Course Racing sucht, verliert allerdings schnell den Überblick.

Aktuell gibt es zwei konkurrierende Weltmeisterschaften, die von zwei unterschiedlichen Verbänden ausgetragen werden.

„Mit der OCRA, also der Obstacle Course Racing Association Germany, hat man versucht, ein einheitliches Regelwerk für Hindernisläufe zu schaffen. Da hat sich aber bisher noch nichts durchgesetzt“, erläutert Bandorski.

Für die verschiedenen OCR-Veranstaltungen gelten im Zweifel dann also unterschiedliche Regeln.

Aber auch bei der Professionalisierung des OCR stößt man an seine Grenzen:

„Ein Großteil der Kosten für die XLETIX Challenge wird von der breiten Masse getragen. Deshalb versucht jede Hindernislaufserie ein eigenes Elite-Konzept in den Plan für den Breitensport zu integrieren. Leider fehlen aber die Finanzierungsmöglichkeiten für Läufe, an denen ausschließlich Profisportler teilnehmen können. Ansonsten wären wir bei der Professionalisierung der Hindernisläufe schon einen Schritt weiter“, so der Geschäftsleiter aus Berlin.

Lauflust statt Leistungsdruck

Doch von all diesen Komplikationen hinter den Kulissen bekommen die Teilnehmer nichts mit.

Hindernisläufe boomen – über die Jahre hinweg haben immer mehr Läufer an einzelnen Veranstaltungen oder Laufserien wie der XLETIX Challenge teilgenommen.

Obgleich das Konzept vom Obstacle Course Racing schon über 30 Jahre alt ist, entfacht der Trend jetzt erneut.

Die Lust auf Abwechslung und der Teamgedanke motiviert gerade Laufanfänger sich für ein OCR anzumelden.

Denn im Gegensatz zu klassischen Laufevents starten die Teilnehmer bei Hindernisläufen meist komplett ohne Leistungsdruck.

Das beweisen auch die Ausstiegsraten der XLETIX Challenge:

„Unsere DNF-Quote liegt bei unter drei Prozent“, sagt Bandorski.

„Wir haben keine Zeitmessung – das nimmt den Läufern einen großen Leistungsdruck. Außerdem können die Teilnehmer, die zum Beispiel die L-Distanz gebucht hatten, problemlos nach der M-Distanz aussteigen. Sie sind trotzdem erfolgreiche Finisher“, ergänzt der Geschäftsführer.

Schlammbedeckt und überglücklich: Die perfekte Grundvoraussetzung für das Finisher-Foto eines Hindernislaufs

Über Gummireifen klettern, unter Stacheldrahtzäunen hindurchkriechen oder sich kopfüber in ein Becken voller Eiswürfel stürzen.

Fremden Läufer über Holzwände helfen und auch mal seine eigenen Ängste überwinden.

Die dreckverschmierte Startnummer voller Stolz hinter dem Schreibtisch an die Wand hängen und aufgeschürfte Knie schamlos zur Schau stellen.

OCR ist viel mehr, als der Spaß an der Bewegung.

Obstacle Course Racing ist die Flucht aus einem langweiligen Alltag, der Ausbruch aus der eigenen Komfortzone und vor allem eins: das Laufen in einem Team voller abenteuerlustigen Freizeithelden.


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Robin
Laufen und Schreiben sind meine absolute Leidenschaft. Als ausgebildeter Ausdauercoach, Content-Creator und Chefredakteur helfe ich dir, deine Ziele zu erreichen und dich über die aktuellen Neuigkeiten aus der Laufszene zu informieren. Ob schnelle 5k oder lange 100 Kilometer, ob auf der Straße, in den Bergen oder in der Wüste – ich fühle mich auf allen Strecken und in jedem Gelände wohl.

3 comments on “Faszination OCR: Auf dem Rücken durch den Schlamm”

  1. Hey Robin,

    neben dem von dir hier beschriebenen OCR gibt es ja auch noch viele andere Events dieser art. Und ... sie sind alle sehr Geil, machen mega viel spass und stärken das miteinander. Wobei es bei einem Langstreckenlauf ja eher um die eigene Leistung geht!

    Ich finde der Artikel beschreibt sehr schön das Feeling solcher Events. Und wer noch nicht Live dabei war sollte es (nach Corona) unbedingt ausprobieren!

    Lieben Gruß
    Olli

    1. Hey Olli,
      danke für dein Feedback – freut mich, dass dir der Artikel gefallen hat!
      Ich habe leider selber noch nie an einem OCR teilgenommen, aber diese Art der Events sind ja stark im Kommen. Es wird daher sicherlich nicht lange dauern bis auch ich mal an einem Hindernislauf teilnehme 🙂

      Liebe Grüße
      Robin von runnersfinest.de

  2. Hallo Robin,
    auch ich bin begeisterter OCR Läufer und finde den Artikel mega cool. XLETIX ist eine super gute Veranstaltung, auch wenn mir das "Zwischenniveau" zwischen den Eliteläufern und den Funstartern etwas fehlt. Aber ich kann das aus Sicht des Veranstalters voll verstehen, denn am Ende finanzieren die Funstarter die Zeitnahme der ambitionierten Freizeitläufer.

    Ich bin auch begeisterter (Trail)Läufer aber am OCR begeistert mich die Ganzheitlichkeit des Trainings. Man läuft natürlich viel, aber auch das funktionelle Training und vor allem das Griffkrafttraining sind genauso wichtig um die Hindernisse zu meistern.
    Es ist einfach schön und ich bin froh, dass es OCR mittlerweile auf so breiter Basis gibt.

    Viele Grüße aus München,
    Uwe

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